Blutrausch
Wie muss es sein nach einem Trank zu dürsten, den man auf ewig verweigern muss?
Verlassen von meinem Meister befand ich mich bei meinen Lieben. Noch ahnten sie nicht, wie sehr ich mich verändert hatte und wollten es wohl auch nicht wissen. In wilder Hatz war ich hier gelandet und sie sahen wohl, dass ich viel hinter mir hatte. Nicht freiwillig hatte mich mein finsterer Gebieter ziehen lassen und sein düsteres Lachen hallte noch in meinen Ohren wieder, als meine Blicke schon über ihre lieben Gesichter glitten. Doch dieser Blick war unstet und huschte rasch von einem zum nächsten. Jeden Moment fürchtete ich, dass mein böser Verfolger mich wieder finden würde, mich zu einem Ort bringen würde, der wieder so entfernt von diesen lieben Antlitzen war. Oder es spukte der wirre Gedanke durch meinen Kopf, dass sie entdeckten, was mit mir geschehen war und sich dann mit Grauen von mir abwenden würden. Doch in meinem Innersten wütete ein stiller Geist. Der Durst regte sich langsam aber sicher und ich ahnte, was kommen würde. Das nahende Unglück, das uns wieder trennen sollte für alle Ewigkeit. Denn das Schicksal lässt sich nicht überlisten und meine Stunden mit ihnen waren schon damals gezählt und genau bemessen. Auch wenn ich das nicht wahr haben wollte. Doch ich war noch jung und mein Leben hatte sich erst vor kurzer Zeit so stark verändert. Wie sollte ich damals schon den Weitblick genießen, der mir jetzt zu eigen ist? Doch meine Gedanken schweifen abermals ab und die Worte wollen gesagt werden, bevor meine Feder sie ziehen kann.
Betty, meine Verlobte, hatte sich zu mir begeben und schaute in meine düster blickenden Augen. Sie hatten seit den Schatten, die mich jetzt umgeben, einen so herben Schleier, den meine Liebste aus glücklicheren Tagen nicht kannte. Sie ahnte, dass etwas schlimmes mit mir geschehen war, das sie nicht für möglich halten würde, denn das Böse war ihr gänzlich fremd. Doch konnte sie nicht sagen, was mich befallen hatte. Ich hätte es ihr sagen können. Doch ich wollte nicht. Statt dessen musste ich mich zurückhalten bei dem Anblick ihrer schönen Gestalt. Sie hatte sich trotz der vergangenen Jahre kaum verändert und ich sah sie noch so, wie vor meiner Wandlung. Nur die Richtung meines Blickes hatte sich verändert. Früher hatte ich immer stundenlang in ihre klaren Augen geschaut und war darin wie in einem Bergsee versunken. Doch jetzt hatte ich keinen Sinn mehr für diese funkelnden Seen. Meine Aufmerksamkeit galt mehr ihren Venen und das machte mich umso trauriger, als ich es bemerkte. In meinem Innern wütete ein starker Geist, der mir keine Ruhe ließ.
In der Nacht zog ich mich von ihnen zurück. Ich wollte nicht in ihrer Nähe verweilen. Eine Höhle verborgen im Wald schien mir angemessener, als das Bett in meinem Anwesen. Nur heitere Stunden hatte ich auf meinem Gut verbracht und so sollte es auch bleiben. Zudem musste ich bedenken, dass mich dort jederzeit eine dieser guten Seelen bei meinem starren Schlaf entdecken konnte. Das hätte nur zu Unruhe geführt und ich wollte mich dieser Belastung nicht unnötig aussetzten. Dieser finstere Ort sollte mir zur Ruhe dienen. Doch vorher wollte ich noch den Geist in meinem Innern befrieden. Ich machte mich also auf die Suche nach einem Opfer. Doch welches perfide Spiel wurde da mit mir gespielt? Ich konnte meinen Durst nicht stillen. An keinem der Menschen hier konnte ich mich laben. Denn jeden, aber auch jeden kannte ich schon von Kindesbeinen an und Fremde waren heute nicht zugegen. Auch fürchtete ich, von einem Menschen erkannt zu werden, wenn ich mich an einem Unglücklichen labte. Hätte meine Geliebte mich bei diesem Anblick gesehen, ich hätte sterben können vor Reue. Mit letzter Kraft hielt ich mich also zurück und ließ den Nachtwächter seine Arbeit tun, den Vater seiner ersten Flamme. Mein Denken kreiste immer mehr um den roten Lebenssaft und ich träumte von einem Regen dieser Flüssigkeit. Was für ein schauerlicher, nächtlicher Alb. Doch mir erschien es wie die schönste Geschichte, die sich ereignen konnte. Eine Nebenwirkung, die ich noch oft haben sollte, immer wenn keine Menschen mir für lange Zeit zum Opfer fallen sollten. Viele Jahrzehnte, war dies der einzige Traum, den ich hatte, bis zu jenem Tag, der mein Dasein zum zweiten Male verändern sollte.
Diese Ruhe, war keine echte Ruhe. Zwar lag ich wie jedes Mal, wenn der Sonnenwagen seine Bahn zog, wie tot auf dem harten Stein. Doch dieses Mal war vieles anders. In meinem Innern tobte es und in der nächsten Nacht würde ich mich stark in Zaun halten müssen, um meine Liebsten nicht zu gefährden. Trotzdem begab ich mich nach dieser falschen Ruhe zu den meinen und setzte mich zu meinem Augenstern. Sie merkte wie immer, dass etwas nicht stimmte. Doch sie fragte nicht mehr, was mit mir geschehen sei, denn sie spürte wohl, dass ich ihr keine Antwort geben konnte. So kuschelte sie sich nur ein bisschen an meine kalte Brust und schlief nach einiger Zeit ein. Sie sah so glücklich aus und es war schön sie wieder in den Armen zu halten. Aus eigenem Antrieb wäre ich ihr nicht so nahe gekommen, weil ich nicht wollte, dass sie meine Wandlung bemerkte und natürlich, weil ich Angst davor hatte schwach zu werden. Aus so kurzer Entfernung konnte ich ihre Venen noch besser sehen und ihr Herz schlug leise an meiner Brust, in der es jetzt so still war. Langsam nahm ich ihre Hand, wie um ihr einen Kuss zu geben. Doch stattdessen biss ich ihr in die Ader. Da sah ich zufällig in einen nahen Spiegel und sah mein schändliches Tun. Wie von einem Blitz getroffen ließ ich von ihr ab und muss sie wohl etwas von mir gestoßen haben, denn sie erwachte aus ihrem Schlummer. Und sie sah das Blut an ihrem Handgelenk und meine Zähne, die noch immer blutig vor meinen Lippen hervorstachen. Diesmal musste ich ihr Antwort geben. Ein schlimmer Geist habe mich befallen und ich verspüre nun immer böse Gelüste. Auf ewig müsse ich mich von dem Saft der Lebenden ernähren, um selbst des Tages in einem finsteren Gewölbe Schutz zu suchen, da die Sonne mein sündiges Antlitz nicht mehr ertrage. Wie nicht anders zu erwarten, war Betty mehr als verstört. Ängstlich wich sie vor mir zurück, vor dem Monster in mir. Und wer konnte es ihr verdenken. Ich selbst wäre in wilder Hast geflohen, hätte ich vor dem Wesen in mir wegrennen können. Trotzdem zog es mir das Herz in der Brust zusammen, als ich die Furcht in den Augen meines liebsten Schatzes sah. Ich zog mich wieder in die modrige Höhle zurück, die wir in frohen Kindertagen gemeinsam aufgesucht hatten. Dort wollte ich bleiben, bis ich mich dazu durchringen konnte, meinem Dasein ein frühes Ende zu setzen. Nie wieder durfte ich meine Lieben in Gefahr bringen. Aber ohne meinen einzigen Stern in dieser finsteren Nacht, wollte ich nicht länger auf dieser Welt verweilen, die mir nur noch düster erschien und nichts konnte mich aus der Finsternis reißen. In der nächsten Nacht war ich schon recht schwach vor Durst und konnte mich schon nicht mehr mäßigen. Wäre eine Ratte in die Höhle geschlichen, ich hätte sie ausgesaugt bis auf den letzten Tropfen. Auch wenn ich mich schon von klein auf vor diesen Wesen geekelt hatte. Doch zu meinem Unglück mied jedes Tier den Geruch, den die Höhle verströmte. Es war der Gestank des Todes – meine Ausdünstungen. Doch nach einiger Zeit kam doch jemand in die Höhle geschlichen und der Jäger in mir erwachte und machte sich bereit für ein schnelles Handeln. Doch als ich ein süßes Parfüm vernahm, erkannte ich, wer da kam und zog mich rasch vor ihr zurück. Denn ich wusste nicht, ob ich mich noch lange gegen den Duft ihres Blutes würde wappnen können und ich wollte meinem Sonnenschein – den einzigen, den ich noch ertrug - kein Haar krümmen. Doch sie kam auf mich zu und zum Schluss fühlte ich eine Felswand in meinem Rücken. Panik schlich meine Brust hinauf, fasste mein Herz und langsam aber sicher machte mich der Duft ihres Blutes wahnsinnig. Sie war so lebendig und ich so tot. Welches verfluchte Schicksal hatte mich da ereilt? Sollte mir noch ein letztes Mal vor Augen geführt werden, wie sehr ich von ihr durch einen tiefen Graben getrennt war, den keiner von uns ohne großes Leid überwinden konnte?
Vor lauter Wahnsinn hatte ich mir mit einem dieser verfluchten Fangzähne in die Lippen gebissen und ein vereinzelter Blutstropfen rann mein bleiches Kinn hinab. Obwohl ich aussehen musste wie ein wildes Tier, richtete sie ihre Stimme voller Liebreiz an mich und das würde ich ihr nie vergessen. Dieser Engel war zu gut für mich und das wusste ich schon bevor sie diese selbstlose Bitte aussprach. Denn es war eine Bitte an mich, die wilde Bestie und den verzweifelten Menschen. „Liebster, weich doch nicht weiter vor mir zurück! Ich habe eine Entscheidung getroffen. Komm und höre sie dir an, mein Augenstern! Ich bin für alles bereit. Einen Teil meines Blutes will ich dir schenken, damit ich dich nicht mehr so leiden sehen muss. Bitte lass dir von mir helfen, damit wir noch viele Jahre miteinander in Freude teilen können.“ Das hätte gereicht, um mich wieder zu stärken, doch ich war nicht beglückt. Ganz im Gegenteil, war ich bestürzt über ihr Ansinnen. Denn ich wusste, dass ich mich nicht würde zügeln können und dann wäre alles zu spät für sie gewesen. Doch sie wusste, dass ich bald vergehen würde, wenn sie nichts dagegen unternahm und drang immer mehr auf mich ein. Denn wahrlich mein Geist würde in diese Zeit des ungestillten Durstes aufs äußerste strapaziert werden und es sollte noch lange dauern, bis ich wieder an etwas anderes als die Farbe rot denken konnte. Schroff musste ich sie abweisen, denn ich liebte sie auch als Ungeheuer noch unsterblich. Ja bis in alle Ewigkeit würde mein nun dunkles Herz ihr gehören, die ich schon so lange verloren habe, weil ich die einzige Lösung für dieses Dilemma nicht akzeptieren konnte. Ich konnte sie nicht töten und dann auf die dunkle Seite der Nacht ziehen. Zwar hätte ich dann die Ewigkeit mit ihr geteilt, doch ich wusste schon damals, dass sie daran zerbrechen würde. Ihr ungetrübtes Gemüt würde es nicht überstehen, wenn sie jemals das Blut ihrer Mitmenschen kosten würde. Darum machte ich ihr klar, dass die Gier schon zu stark war für diesen Plan. Sie musste einsehen, dass ich sie trotz der innigen Gefühle für sie, augenblicklich töten würde, sobald der erste Tropfen ihres süßen unschuldigen Blutes meine kalten Lippen benetzte. Lieber wollte ich lebendig in einem Sarg begraben werden, als das ich Schuld an ihrem Tod trüge und so kam es denn. Des Tages als ich schlief, erfüllte sie meinen Wunsch und aus Liebe ruhte ich eine halbe Ewigkeit im dunklen Schoß der Muttererde.
Jahrhunderte später entdeckte mich einer meiner dunklen Brüder und scharrte die Erde von meinem Sarg. Erstaunt schlug ich nach langer Zeit die Augen auf und schluckte das Blut meines Retters, das er mir großzügig gab. Noch immer muss ich weinen, wenn ich an meine verlorene Liebe denke. Sie war ein Engel des Lichts in dieser düsteren Welt. Seht mir also bitte die roten Flecken auf dem Pergament nach. Es sind meine Tränen, die ich um sie vergossen habe.
Diese Geschichte ist 2005/06 entstanden. Ich hatte den traum lebendig begraben zu sein und habe das Bild in eine geschichte eingearbeitet. Träume waren schon immer gute anregungen für meine geschichten. Der Anreiz für Tingulin war übrigens das Bild von einem Magier, der feuerbälle schleudern konnte.
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